Märkische Allgemeine Zeitung 08.03.06

Tek km 08,10: Wanderrudern / "100 Jahre Teltowkanal" (Teil 29)

THOMAS VIEWEG

" Der Inarisee. Die Perle unter den Seen von Finnland. Der nördlichste See der Welt. Das ist ein Gefühl mein Lieber", sagt der Polizist Karl-Heinz alias Peter Franke zu Hannes alias Joachim Król. "Wenn man in der Herbstsonne am Strand des Inarisees sitzt. Stille. Einsamkeit."

Mit dem Film "Zugvögel. Einmal nach Inari" hat Peter Lichtefeld im Jahr 2001 dem im nördlichsten Zipfel Finnlands gelegenen See ein Denkmal gesetzt und damit der Sehnsucht nach Langsamkeit und Naturgenuß. Regisseur Lichtefeld verzichtete in dem Streifen mit Peter Lohmeyer und Król in den Hauptrollen auf schnelle Schnitte. Statt dessen wurde mit dem Fernweh nach dem Inarisee der Genuß der unberührten Natur thematisiert.

Jetzt liegt die Inari nicht in Lappland, sondern im Teltowkanal. Jugendliche haben sie nah der Machnower Schleuse vorsichtig ins Wasser gehoben. Wieso die Inari? "Wir haben unsere Vierer nach Seen in Norwegen und Finnland benannt, die Zweier nach Fjorden", erläutert Stefan Biastock.

Der Vorsitzende des Ruderclubs Kleinmachnow-Stahnsdorf-Teltow e.V. ist heute mit neun Kindern und Jugendlichen aufs Vereinsgrundstück gekommen. Nach der Inari wird auch die Saimaa ins Wasser gesetzt. Beide haben anders als Rennruderboote rundere, breitere Rümpfe.

Denn was Biastock mit den Jugendlichen trainiert und was der Verein praktiziert ist nicht das schnelle Wettkampfrudern. "Wanderrudern ist Verreisen mit dem Boot", lautet die Philosophie des am Teltowkanal angesiedelten Vereins. Die Sportler sollen die Natur um sich herum wahrnehmen und genießen.

"Wanderrudern ist Breitensport, während Wettkampfrudern meist nur von Wenigen betrieben wird", stellt Stefan Biastock klar. Der Unterschied zwischen Wettkampf- und Wanderruderern ist dem Vorsitzenden nicht nur wichtig, sondern hat auch zur Gründung des jungen Clubs geführt. Ins Leben riefen ihn vor fünf Jahren zehn Berliner Ruderer, genau in dem Jahr, in dem Lichtefeld den Inarisee auf die große Leinwand brachte. Den Berlinern war das Rudern im Verein am Wannsee zu teuer geworden.

"Dort setzt man zu sehr auf das Renommee durch einige Spitzensportler und für die breite Masse bleibt nichts übrig." Im Jahr 2001 taten sich die Gleichgesinnten zusammen und ließen zunächst vom Autoanhänger aus ihre Boote am Machnower See zu Wasser.

Auf der Suche nach einem festen Vereinshaus fanden sie im April 2002 ein Grundstück am Teltowkanal. Sie pachteten ein kleines Anwesen auf der Stahnsdorfer Seite der Wasserstraße, nah an der Machnower Schleuse. Das selbst erklärte Credo vom Breitensport setzten die zehn Berliner konsequent um, in dem sie neue Mitglieder warben. Dadurch ist der Verein längst fest in Brandenburger Hand. Von den 43 Wanderruderern kommen nur zehn Prozent aus der Bundeshauptstadt, schätzt Biastock. "40 Prozent sind Kleinmachnower, 30 Prozent Stahnsdorfer und 20 Prozent kommen aus Teltow." Wie die Wasserstraße verbindet der Verein so Brandenburg mit Berlin und die Region selbst.

"Die Höhepunkte unseres Sports sind natürlich die Reisen", schwärmt der Vereinsvorsitzende. Regelmäßig werden Touren auf deutschen Gewässern unternommen. Wer sich hier bewährt und genügend Erfahrung besitzt, darf an Fernreisen teilnehmen, die schon nach Frankreich, Schweden, Tschechien oder eben ins finnische Lappland zum Inarisee führten.

"Das sind unvergeßliche Erlebnisse." Stefan Biastock war einer der acht Abenteurer, die sich in die in Europa kaum noch zu findende Wildnis rund um den finnischen See wagten. Das Fernweh nach Lappland, dem Regisseur Lichtefeld mit "Zugvögel" ein filmisches Denkmal setzte, es hat auch ihn und seine Mitstreiter erfasst.

Ist der Teltowkanal für Ruderer, die das Naturerlebnis suchen, nicht langweilig? "Sicher ist er eintönig", aber die künstliche Wasserstraße biete auch Vorteile.

Schnell könne man andere Gewässer in Berlin und Brandenburg erreichen, und, so betont der Vorsitzende, das Gewässer friere dank Einleitungen im Winter nicht zu. "So können wir ganzjährig trainieren."

Die Inari und die Saimaa sind zum Ablegen bereit. Stefan Biastock macht den Steuermann. Und schon rudern die jungen Leute in den Abend auf dem Teltowkanal hinein - angetrieben vom Fernweh und der Lust auf Touren durch unberührte Natur.

Die MAZ-Serie "100 Jahre Teltowkanal" steht im Internet unter www.MaerkischeAllgemeine.de/teltowkanal (Potsdam-Mittelmark)